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Meine Erfahrungen mit Angst und Depressionen

Ich bin mir im Klaren darüber, dass jemand, der selbst noch keine Panik-Attacke erlebt hat und nicht an Depressionen erkrankt ist, das Geschilderte kaum nachfühlen kann. Trotzdem möchte ich meinen ganz persönlichen Leidensweg aufzeichnen, in der Hoffnung, dass es jemandem in einer ähnlichen Situation Trost spendet oder gar hilft.

Zeitlicher Überblick

März 1984 Alter 24, nach Studium: Nervenzusammenbruch nach Grippe
Beginn der Probleme mit den Nerven und der Panik-Attacken
1986 Abbruch des Militärdienstes, Reduktion der Arbeit auf 80%
1987 Beginn einer Psychoanalyse
1989 Zusammenbruch und Einlieferung ins Spital während einer Velotour alleine. Bewusstlosigkeit vermtl. Infolge Hyperventilation.
Beginn der Angst vor Angst und Depressionen, starke Beeinträchtigung der Lebensqualität.
1990 Abbruch der Psychoanalyse meinerseits wegen Misserfolg und vermehrten Panikattacken. Mehrere Wochen Arbeitsunfähigkeit. Vermehrte Einnahme von Tranquilizern. Arbeit zu Hause.
Beginn der Einnahme von Antidepressiva.
März 1991 Erfolg der Antidepressiva. Wieder 100% Arbeitsfähig, aber Arbeit zu Hause. Umzug an ruhigeren Ort (Seebach).
Buch über Panikattacken gelesen. Jetzt weiss ich endlich, was ich habe!
Bisherige Diagnose: depressiv gefärbte Angstneurose.
Januar 1997 Konkurs des Arbeitgeber. Schwere Depressionen. Unfähig, neue Stelle zu suchen
Beginn der Psychotherapie und neue Antidepressiva.
Januar 1998 Bezug einer 100% IV Rente

Beschreibung einer Attacke

Keine klaren Gedanken, nur nackte Angst. Gefühl, dass unmittelbar etwas unheimlich Schlimmes bevorsteht. Körper beginnt verrückt zu spielen: Hitze steigt vom Magen in den Kopf, gleichzeitig kalter Schweissausbruch. Kribbeln in den Gliedern, Mund und Zunge werden schwer kontrollierbar, Sprechen fällt schwer, Atem gerät ausser Kontrolle, stechender Schmerz in der Brust, manchmal bis in den linken Arm (Herzinfarkt?), Sausen in den Ohren, grosse innere Unruhe, Angst zu sterben, einmal sogar Bewusstlosigkeit.

Angstsituationen

Folgende Situationen stellen für mich persönlich Belastungen dar, in denen es vermehrt zu Panikattacken gekommen ist. Diese Belastungen können bei anderen Menschen anders liegen, sind jedoch typisch für Menschen mit Panikstörungen:

  • Stress
  • Allein und nicht zu Hause
  • Psychische Belastungen: Zeitdruck, Verantwortung
  • Physische Belastungen: körperliche Anstrengungen, Hitze

Meine Geschichte

Meine erste Panik-Attacke erlebte ich kurz nach meinem Studium aus heiterem Himmel am Arbeitsplatz. Ich hatte gerade eine schwere Grippe überstanden und sollte an diesem Tag mit einem externen Mitarbeiter eine Sitzung abhalten. Dazu kam es nicht mehr. Plötzlich hatte ich Mühe mit atmen und bekam Schwindelanfälle, sodass ich mich auf Boden legen musste, um nicht in Ohnmacht zu fallen. Ich bekam kalte Schweissausbrüche und mein Herz begann zu rasen, dass es mir in der Brust weh tat. Meine Glieder wurden taub und meine Lippen kribbelten, dass mir das Sprechen schwer viel. Ich bekam mächtig Angst, weil ich glaubte, etwas mit dem Herz sei nicht in Ordnung. Der herbeigerufen Notarzt stellte aber schnell fest, dass mit dem Herzen alles in Ordnung war. Er spritzte mir ein Beruhigungsmittel und schickte mich nach Hause. Mein Hausarzt diagnostizierte einen Nervenzusammenbruch, verschrieb mir Beruhigungstabletten und schrieb mich zwei Wochen krank.

In der Folge hatte ich immer öfter diese Symptome. Manchmal stach es sehr stark in der Brust und der Schmerz strahlte in den linken Arm aus, wie bei einem Herzinfarkt. Dann stand ich Todesängste aus und wusste oft nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen bin. Ein Herzspezialist versicherte mir nach eingehender Untersuchung, dass mit dem Herzen alles in Ordnung sei. Doch das beruhigte mich nicht lange, denn irgendwoher mussten diese Symptome ja kommen.

Mit der Zeit viel mir auf, dass vor allem in Stresssituationen die Anfälle auftraten. So reduzierte ich mein Arbeitspensum auf 80% und begann immer mehr zu Hause zu arbeiten. Zugleich begann ich eine Psychoanalyse. Doch das verbesserte die Situation nicht lange. Immer häufiger traten die Symptome auf, besonders auch, wenn ich mich unter Menschen befand. So konnte ich nicht mehr in öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, nicht mehr in Einkaufszentren hinein und sogar das Essen in der Kantine war mir nicht mehr möglich. Schlimm war auch, wenn ich irgendwo Schlange stehen musste. So mied ich immer mehr Situationen. Schliesslich war es mir nicht mehr möglich, in die Psychoanalyse zu gehen, welche nach Jahren immer noch kein Ergebnis zeigte. Schlussendlich konnte ich ohne Begleitung die Wohnung nicht mehr verlassen. Ich schluckte täglich Tranquilizer, später auch Antidepressiva, weil Tranquilizer abhängig machen sollen. Beth musste immer öfter von der Arbeit nach Hause kommen, wenn ich wieder eine Attacke hatte. Ich habe viele Ärzte aufgesucht und etliche male musste ein Notarzt gerufen werden. Die Diagnose lautete zuletzt: Depressiv gefärbte Angstneurose. Ich konnte damit nicht viel anfangen!

Eines Tages brachte mir Beth ein Buch nach Hause, das von Panik-Attacken handelte und in dem genau meine Symptome beschrieben wurden. Jetzt ging mir ein Licht auf. Endlich wusste ich, was mir fehlte. Das hat mir einen grossen Teil meiner Angst genommen. Die Behandlungsvorschläge und die Zukunftsaussichten machten mir aber sehr zu schaffen. Ich versuchte es erst mit einer Selbsthilfegruppe. Das war eine gute Erfahrung, aber leider löste sich die Gruppe bereits nach einem Jahr wieder auf. In dieser Zeit ging es mir moralisch besser, obwohl ich immer noch starke Ängste hatte und vieles mied. Aber die Gruppe gab mir Zuversicht und Mut. Vor allem tat es gut, richtig verstanden zu werden, denn nur wer selbst von Panik-Attacken geplagt wird, kann einen anderen verstehen.

Doch mit der Zeit verschlechterte sich mein Zustand wieder. Als dann der Arbeitgeber Konkurs machte, ging es mir so schlecht, dass ich Notfallmässig zu einem Psychiater musste. Er verschrieb mir Antidepressiva und ich begann eine Psychotherapie. Ich war nicht mehr in der Lage, eine neue Stelle zu suchen und wurde in der Folge zuerst Krank und ein Jahr später 100% invalid geschrieben. Seit dieser Zeit leide ich unter mittleren bis schweren Depressionen. Die Panik-Attacken sind jedoch fast verschwunden. Trotzdem wage ich mich nur selten alleine weiter fort, als ich zu Fuss noch zurücklegen kann. Ich habe schon etliche Antidepressiva ausprobiert, leider ohne spürbare Besserung. Dafür waren die Nebenwirkungen unerträglich. Zur Zeit versuche ich so über die Runden zu kommen und probiere wieder mal ein neues Medikament, wenn ich eine ganz schlechte Phase habe.

Wie weiter?

Zum Glück bin ich es gewohnt, selbständig und zu Hause zu arbeiten. Mir wird es nie langweilig und ich habe viele Projekte im Kopf, die ich gerne realisieren möchte. Seit 2002 arbeite ich ehrenamtlich als Webmaster bei der Organisation APhS - Angst- und Panikhilfe Schweiz, erstelle und pflege also diese Website und bin auch Verfasser einiger der Webseiten.

Daneben bilde ich mich ständig autodidaktisch weiter auf den Gebieten Mathematik, Physik (Relativitätstheorie), Chemie, Biologie, Genetik, Neurologie, Pharmakologie, Psychologie usw.

Viel Freude macht mir auch mein Musikstudio und meine neuen Instrumente (EWI, Tyros 2), auch wenn es oft Monate gibt, in denen ich keine Musik machen mag.

Ich habe gelernt, mit meiner Krankheit zu leben. Ich muss mich wohl damit abfinden, dass mir ein schwaches Nervensystem gegeben ist. Ich bin soweit, dass ich in Zeiten ohne Verpflichtungen ohne Medikamente auskomme. Ich versuche meine Krankheit soweit möglich zu ignorieren und konzentriere mich lieber auf interessante und neue Dinge.

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Erzeugt Freitag, 2. März 2012
von wabis
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Geändert Montag, 20. Januar 2014
von wabis